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Überarbeiten, so wichtig wie das Schreiben

„Der erste Entwurf ist immer Mist“,  so hat es Ernest Hemingway einmal auf den Punkt gebracht. Der alte Mann und das Meer ist in Version 13 veröffentlicht worden. Und da haben noch qualifizierte Verlagslektoren mitgewirkt.

Überarbeitung

Den Schluss von „In einem anderen Land“, sagt er,  habe er wohl 39 mal umgeschrieben.

Plackerei?  Ja. Aber eben auch: Nobelpreis und Pulitzerpreis!

„An seiner Einstellung zur Revision eines Textes, kann man den echten Schriftsteller vom Möchtegernautor unterscheiden,“  schreibt Sol Stein in „About Writing.“

Es gibt viele verständliche Gründe, warum du dich gegen das Umschreiben wehrst.

Einer davon: Du hast keine Ahnung, wie du das angehen sollst.

Hier sind klare Arbeitsschritte.

Ist dein Protagonist interessant genug?

Charakterisieren Literatur

Sicher hast du  ihn sorgfältig Charakterisiert, sicher hat er gute und schlechte Eigenschaften, sicher hast du herausgearbeitet, was er will und warum er es will. Falls nicht, lies hier:   Wie du faszinierende Charaktere erschaffst

Aber, Hand aufs Herz: Ist dein Protagonist wirklich extrem beeindruckend und unvergesslich oder kannst du ihn noch schärfer zeichnen? So, dass seine Gesellschaft für jeden zu einem unvergesslichen Erlebnis wird.

Gib ihm noch eine Portion Exzentrik.

Zeige ihn bei einer Tätigkeit, die diese Exzentrik zum Ausdruck bringt,           denn Langweiler haben deine Leser schon genug in der Nachbarschaft.


Macht dein Protagonist eine persönliche Veränderung durch?


„Wer nicht bereit ist, sein Leben zu ändern,

dem kann nicht geholfen werden.                                                                                                                                                   Aristoteles

Lass seine Veränderungen dramatisch ausfallen!

Dass die meisten Menschen ihr Leben lang dasselbe tun und damit zu den immergleichen, oft frustrierenden Ergebnissen gelangen, ist traurig genug.

Deinem Leser musst du mehr bieten.

Aus dem Feigling wird ein Kriegsheld, der eine ganze Stadt vor dem Untergang rettet. Der verklemmte Moralist erlebt Sinnesrausch und Gefühlstiefe, der Bankhai wird Mönch, der Mönch ein sozial vorbildlicher Unternehmer, die frustrierte Matrone Marathonläuferin.

Egal was passiert, lass das Pendel extrem weit ausschlagen. Du bist hier nicht in den Niederungen des richtigen Lebens.

Ist dein Antagonist wirklich bösartig?

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AutorInnen gehören meist zu den Gebildeten und verkehren mit Menschen ihres Schlages. Man gibt sich kultiviert. Das Böse ist ein abgespaltener Teil, ein blinder Fleck, etwas, das nicht sein darf und schon gar nicht geäußert oder ausgelebt wird. „Elfenbeinturm“ eben.

Es fehlt an „geeigneten Vorbildern“ aus dem eigenen Lebensbereich. Die Antagonisten haben allenfalls schlechte Manieren, sind neurotisch, gierig, selbstsüchtig, unsensibel oder Muttersöhnchen.

Aber das reicht nicht für Gänsehaut, Faszination und Spannung.

Lass deinen Antagonisten Böse, ordinär, gehässig und zutiefst verworfen sein. Seine Freude sei es, anderen zu schaden.

Und das kann er nur effektiv, wenn er gleichzeitig ein paar einnehmende Eigenschaften hat. Sonst fällt niemand auf ihn rein.

Gibt es einen glaubwürdigen Konflikt zwischen Protagonist und Antagonist?

Die Handlung kommt in Gang, weil der Protagonist etwas will, das der Antagonist eben gerade nicht will. Sonst hätten  sie nichts miteinander zu tun.

Beispiel für einen glaubwürdigen Konflikt:

Frodo, der Hobbit erkennt, dass es an ihm ist, den Ring der Macht zu vernichten. Nur so kann er seine Heimat und die Welt vor Sauron schützen. Sauron hingegen benötigt den Ring um die Welt endgültig seiner Macht zu unterwerfen. Da ist kein Kompromiss möglich. Sie sind „aneinandergekettet.“ Man könnte auch sagen „sie braten im gleichen Ofen.“

Beispiel für einen unglaubwürdigen Konflikt:

Im Thriller gibt es oft einen superintelligenten „Bösen“, der die Welt mit seinen Hightech-Waffen vernichten will. Die Frage wo und wovon er danach leben will, steht unbeantwortet im Raum.

Hat deine Geschichte eine klare Prämisse?

Was eine Prämisse ist, habe ich erklärt:

Die Frage, die du dir stellen solltest, bevor du anfängst zu schreiben.

Hier noch mal in Kürze:

Die Prämisse ist das, was du in deinem Text beweisen willst.

Beispiele:

„Verbrechen lohnt sich“

Wenn dein Protagonist nach seinem Coup glücklich, reich und hochgeachtet in Südamerika lebt, dann ist „Verbrechen lohnt sich“ die Prämisse.

„Verbrechen lohnt sich nicht.“

Das ist die Prämisse aller Krimis. Der Täter wird vom Ermittler überführt und landet im Knast. Dass immer genau dies passiert, gehört zu den Konventionen des Genres und die Leser wollen erstaunlicherweise immer wieder genau das.

Die Prämisse ist keine universelle Wahrheit oder Moral.

Sie beschreibt nur, was in deinem Text passiert.

Auch wenn es weh tut:

Streiche jeden Satz, der die Prämisse nicht unterstützt.

Besser noch: Sei dir deiner Prämisse bewusst, bevor du anfängst zu schreiben.            Oder: Entwickle die Prämisse aus einer Ausgangssituation oder Figur, die du schon hast.  Sonst verfehlst du dein Thema und dafür gab es schon im Deutschunterricht eine Sechs.

Beispiel:

Wenn dein Protagonist sich aus prekären Verhältnissen zur Stellung eines Staatsministers, Unternehmensführers oder erleuchteten Gurus entwickelt, dann lautet deine Prämisse: Wer alles gibt, kann vieles erreichen. Das ist die Prämisse. Dass sein Bruder gleichzeitig das ruhige Leben eines Leuchtturmwärters führt, oder die Schwester ihre dritte Verlobung auflöst, stützt diese Prämisse nicht. So brillant du es auch beschreibst, der Leser wird deinen Text als weitschweifig empfinden.

Ausnahme: Es ist für die Charakterisierung oder die Handlung wirklich relevant.

Es darf nur eine Prämisse geben. 

Literatur Prämisse4

„Der alte Mann und das Meer“ handelt von einem Mann, der alles gibt, um einen Fisch zu fangen.  

Punkt Ende. 

Prämisse: „Ein Mann gibt niemals auf“ (Finde ich übrigens unmenschlich.)

In der Geschichte wird nicht bewiesen, dass dieser Kubanische Fischer ein guter Großvater, ein guter Ehemann oder gut im Pokern ist. Es trüge nichts zur Prämisse bei und würde die Geschichte verwässern.

Gehe deinen Text Szene für Szene durch, schreibe kurze Zusammenfassungen und entscheide, ob jede Szene die Prämisse stützt.

Dialoge

Dialoge sind nicht das, was sich Leute so erzählen. Sie sind ein Konzentrat.

Die wichtigste Regel: Du musst den Konflikt zwischen diesen Menschen zutiefst verstanden haben. Er muss sich unausweichlich aus ihrer Charakterisierung ergeben.

Beispiel 1:

„Ich liebe Dich“

„Ich liebe dich ja auch“

Sollte dir jemals jemand diese Antwort geben, dann wirf mit Vasen nach ihm, kratz ihm die Augen aus oder suche gleich das Weite. Das „Ja“ ist eine Giftspritze. Die korrekte Antwort wäre: „Ich liebe dich auch“, -aber das wäre literarisch langweilig.

Was soll dieses ja? – Es deutet den Konflikt an. Das „aber“ steht schon im Raum.  Beziehung ist in der „Ja aber-Phase“, die Liebe nur noch eine theoretische Option.

Beispiel  2:

„Ich liebe Dich“

„Ich dachte mit dem Thema wären wir durch“

Jetzt hast du eine Rakete am Start.

Ein Dialog wird interessant durch den Konflikt.

Mehr zum Thema: Dialoge auf Speed

Falls Du, liebe Leserin, lieber Leser,  bis hier gekommen bist, freue ich mich über deinen Kommentar. Denn das Thema kann man auch anders betrachten. Ich zumindest war empört, als ich zum ersten Mal all diese Regeln kennen lernte.

 

3 Gedanken zu „Überarbeiten, so wichtig wie das Schreiben“

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