Schriftsteller/Innen vorgestellt : Karmen Jurela

Schriftsteller/Innen erzählen in dieser Reihe was sie bewegt, wie sie ihre Themen finden, wie sie das Schreiben gestalten, was es für sie bedeutet und wie sie Schwierigkeiten meistern.

Die Schriftstellerin Karmen Jurela im Gespräch.

Das Interview führte D.H. Ludwig

Warum schreibst Du? Wie bist du dazu gekommen?

Erstmal vielen lieben Dank für die Gelegenheit, mich vorzustellen, lieber Dirk.
Und ja, ich mag es, sofort in medias res einzutauchen.

Ich schreibe, weil ich Anfang 2017 dazu eingeladen wurde.
Ich hatte nicht im Sinn, dass Schreiben etwas für mich sein könnte, bevor ich vom Anbieter eines Schreibkurses per mail dazu eingeladen wurde.
Es war eine Kalt-Aquise. Den Anbieter kannte ich zwar aus der Ferne persönlich, aber wir hatten zuvor niemals über Kreativität oder über das Schreiben gesprochen.
Ich bin dem Anbieter auch bis heute dankbar, dass er mich damals eingeladen hat, denn überraschenderweise habe ich einfach zugesagt. Ich hatte Zeit und nichts Besseres zu tun.

Die Schreibgruppe hat sich inzwischen zu einer mastermind-Gruppe entwickelt, wir sind nicht mehr eine reine Schreibgruppe.
Ich habe mit dieser Gruppenbegleitung inzwischen zwei Bücher geschrieben, wovon eines gerade ins Englische übersetzt wird, einen Blog aus der Taufe gehoben, der bald zweijährigen Geburtstag feiert und ich habe nicht vor, das Schreiben zu minimieren.

Also, kleine Überraschung zum Aufmerken:
Man muss seine Leidenschaften nicht kennen und vermissen, um auf sie gestoßen zu werden.

Du hast ein Buch veröffentlicht.  Wie bist Du auf Dein Thema gekommen? wie auf Deine Blogthemen.

Das Thema der Schreibgruppe war:
„Wir schreiben über unser Lebensthema“
Micha, der Kursleiter, hat uns das Schema der Heldenreise erklärt und uns dazu eingeladen, das Schema anzuwenden.

Wir neuen Teilnehmerinnen kannten uns untereinander nicht, und wir alle hatten große Bedenken.
Wir wollten uns weder voreinander offenbaren, noch wussten die meisten von uns nicht, was der Begriff „Lebensthema“ überhaupt zu bedeuten hatte.

Drei von uns sind drangeblieben, und es sind seither viele wahnsinnig spannende und tiefe Texte entstanden.
Mein erster Beitrag wurde das Buch Rauschliebe.
Ich würde nicht sagen, dass das Buch mein Lebensthema behandelt, aber das Schreiben selbst wurde eines meiner Lebensthemen. Also umgekehrt, als ursprünglich angefangen.

Die Geschichte des Buches erzählt kurz gesagt die schicksalshafte Liebe eines Paares, in dem der Mann aktiver aber voll funktionaler Alkoholiker ist und die Frau dabei unbemerkt co-abhängig, also eine „Ermöglicherin“, wird.
Einige Wochen vor Beginn des Schreibkurses hatte ich mich aus einer Beziehung gelöst, in der ich selbst schwer co-abhängig war, und aus der wir beide, mein damaliger Partner und ich, gerade so mit dem Leben davongekommen sind.


Oft werde ich gefragt, ob das Buch autobiographisch ist. Nein.
Aber ich habe meine eigene Co-Abhängigkeit beim Schreiben verarbeitet und geheilt.
Es war damals das lauteste Thema in mir, und ich kann behaupten, dass viele Menschen, die einmal der Sucht oder Co-Abhängigkeit entkommen sind, ein zweites Mal oder als wiederkehrendes Muster in dieselbe Falle laufen, also immer wieder rückfällig werden.

Dadurch, dass ich beim Schreiben meine Co-Abhängigkeit geknackt habe, ist das nun zum Glück nicht mehr mein Thema. Schreiben ist ein äußerst vielschichtiger Prozess.

Ganz offensichtlich ist der kognitive, intellektuelle Anteil. Allein, die ganze Recherche bedeutet viel zu lesen, zu verstehen, Informationen verarbeiten.
Aber dazu kommt das manuelle, das emotionale, das spirituelle Verarbeiten beim Schreiben eines solchen Buches; das ist meines Erachtens Heilung pur.

Der Prozess des Vergebens – mir selbst und meinem Ex-Partner – kam mit dem Schreiben:
Wer schreibt, fängt an zu verstehen.
Wer versteht, braucht eigentlich nicht mehr zu verzeihen.

Vergebung ist meines Erachtens eine Wunderwaffe in Sachen Happyness, erfolgreiches und sinnerfülltes, gelingendes Leben.

Und damit sind wir auch schon bei meinen Blogthemen.
Ich habe mir beim Erstellen des Blogs vorgenommen, jeden Tag einen Artikel zu schreiben.
Das klingt vielleicht wenig, aber angesichts der Tatsache, dass ich Vollzeit eine eigene zahnärztliche Gemeinschaftspraxis führe, dass ich in der Zeit ein Buch veröffentlicht, ein zweites geschrieben und parallel eine Coaching-Ausbildung absolviert habe, und auch noch eine neue Partnerschaft eingegangen bin, kommt es mir manchmal selbst wie ein Wunder vor!


Meine Blogthemen sind
Kreativität
ein erfülltes Leben führen
Das Überwinden von Selbstsabotage Prokrastination, Sucht und Co-Abhängigkeit Schreiben
Selbstentfaltung
Liebe, Spiritualität und Selbstliebe,
Pazifismus
Speziesimus
Feminismus, wenn auch nur angedeutet
Der eigenen Bestimmung und Berufung folgen
und ganz selten schreibe ich etwas politisches zum aktuellen Weltgeschehen.

Ab und zu stelle ich andere Blogs vor. Da war auch Deiner schon darunter.

Wie entstand der Entschluss, das Buch zu schreiben? Was ging dabei in dir vor? Gab es Widerstände?

Das Buch hat sich selbst geschrieben.
Es gab einen Moment, in dem ich begriff, dass diese Fragmente, die ich da aufgeschrieben habe, Teile eines Romans sind.
Und den habe ich dann aufgeschrieben.
Es gab durchaus auch Schreibblockaden, aber meinen Schreibgruppe und mein Coach haben mir schnell und kreativ darüber hinweggeholfen.

Wie bist du beim Schreiben vorgegangen? Arbeitsorganisation, Integration in dein Leben, Umgang mit Selbstzweifeln, Müdigkeit….

Mir haben folgende Dinge sehr geholfen:

1) Ich hatte voll Bock diese Geschichte zu schreiben, weil ich wusste, dass sie unbezahlbar ist. Ich hatte etwas NEUES vorzuweisen.

Eine Co-Abhängige erzählt aus dem Nähkästchen! Das gibt es auf dem Buchmarkt eigentlich nicht, außer einiger Bücher von Co-abhängigen, die voller Hass und Selbsthass daherkommen, oder hauptsächlich auf die Tränendrüse drücken.
Ich selbst habe mich in der Zeit meiner Co-Abhängigkeit nach einem Buch wie meinem gesehnt!
Es gab aber nichts, außer Fachbücher, oder eben, wie gesagt, Bücher, die nicht direkt Hoffnung und Zuversicht ausströmen, sondern eher Verderben, Scham und Selbsthass.

2) Ich hatte einen Coach und Mentor.
Die wichtigste Aussage des Mentors war – schreib´ Dein Buch zu Ende.
Danach machst du, wenn du immer noch willst, die anderen, notwendigen Schritte.
Das war mir eine große Hilfe. Das Buch fertig zu schreiben war einfach.
Sich daneben und danach mit 1000 anderen Themen auseinanderzusetzen – sauschwer.

3) Ich hatte meine Schreibgruppe.
Die Gruppe übt keinen Druck aus, sondern zeigt immer wieder Aspekte, an die man selbst nicht gedacht hat, und die einen Text interessanter für Leser machen.
Die Anregungen sind dann fast schon ein Auftrag.

4) Ich habe mir irgendwann, während einer Schreibblockade eine Outline der Geschichte gezeichnet. Außerdem fing ich an ein Register über die Personen zu führen.
Mit Outline und Register wurde es einfacher.
Ich musste nur draufschauen und dann war klar, wie es weitergeht.

5) Ich hatte einen sehr geistreichen Mitleser und Erstkorrektor, eine tolle Lektorin, und eine super Buchsetzerin. Das heißt, diese Dinge musste ich nicht selbst machen.

Wie war es mit Lektoraten und Testlesern?
Sehr gut.
Ich habe dafür Profis engagiert und deshalb lief es sehr professionell. Viel schwieriger war für mich, so viele Kürzungen und Korrekturen anzunehmen.
Im Nachhinein war eine der größten Hürden, den Text nochmal in voller Breite zu überarbeiten und Dinge zu löschen oder zu verändern die mir selbst etwas bedeuteten, dem Leser*innen aber nicht unbedingt.

Und noch ein Lernen aus der Rückschau:
Ich bedauere, nicht noch mehr Korrekturen angenommen zu haben. Ich glaube, das Buch wäre für meine Leserinnen genussvoller und lesbarer, wenn ich noch mehr auf meine Lektorin gehört hätte.

Wie hast du deine Schritte zur Veröffentlichung gemacht und wie hast du diese Situation empfunden…..

Das technische fand ich ziemlich nervig. Die Korrekturen und das wiederholte Überarbeiten hat mich wirklich viel Überwindung gekostet, zumal ich in der Zeit schon knietief in meinem zweiten Buch stand.
Das mache ich beim aktuellen Buch anders: ich zwinge mich, bis zur Veröffentlichung kein drittes Buch zu beginnen. Das macht es jetzt auch viel übersichtlicher für mich.
Ich habe bei BoD veröffentlicht. Die Ansprechpartner dort sind wirklich sehr hilfsbereit und freundlich. Die Buchsetzerin, die mich durch den Prozess begleitet hat, war auch eine unglaubliche Hilfe.
Allein auf mich gestellt, gäbe es wahrscheinlich bis heute noch kein Buch…
Und dennoch.
Mir wäre am liebsten, immer nur zu schreiben.
Das gleiche gilt fürs Marketing.
Eine gute Schriftstellerin ist nicht unbedingt eine engagierte Marktschreierin.
Zumal kurz nach Veröffentlichung von Rauschliebe der erste Corona-Ausbruch alle Interviews und Lesungen verunmöglicht hat.
Gleichzeitig bin ich natürlich absolute Anfängerin und von Corona genauso überrumpelt worden wie alle anderen.

Zusammenfassend möchte ich noch hinzufügen, dass es sich unglaublich lohnt, durchzuhalten. Das eigene Buch verkaufen zu können ist eine sensationelle Erfahrung!

Worum geht es im aktuellen Projekt, und was kommt dann?
Mein aktuelles projekt ist auch ein Buch. Es soll im nächsten Frühjahr erhältlich sein.
Der erste Teildes Buches ist die Anleitung zu einem Journal, das Dich glücklich macht und in Einklang mit Dir selbst bringt.
Der zweite Teil des Buches lebt vom Mitmachen. Du beantwortest täglich, wöchentlich und monatlich eine handvoll Fragen, die Dich abholen und in Deine eigene Spur bringen.
Es ist also ein Selbst-Coaching-Journal. Ich freue mich wahnsinnig darauf, es zu verkaufen, verschenken und unter die Leute zu bringen.

Dann kommt wahrscheinlich ein E-Book, in dem ich meine besten Artikel zusammenfasse.
Außerdem ziehe ich den Hauptteil meines Blogs auf Medium um, und werde voraussichtlich viel mehr auf Englisch schreiben.

Was können wir und die Leser*innen für dich tun?

Das ist eine unfassbar freundliche Frage. Danke dafür!
Ich freue mich, dass Du mich zu diesem Interview eingeladen hast, und mir dabei hilfst, bekannter zu werden.
Wer immer ein Interview haben möchte, kann mir eine Email schreiben.
Ich möchte auf diesem Wege auch 5 Rezensionsexemplare in die Welt schicken.

Wer also das Buch gerne lesen möchte und dafür eine Rezension schriebt oder ein Interview mit mir möchte, kann mir gern eine Nachricht unter karmen@jurela.de mailen.

Dir Themen von Rauschliebe sind zurzeit noch brisanter als sonst.
Beides, häusliche Gewalt und Alkoholismus ist mit den Corona-Massnahmen um mindestens 30% gestiegen Diese Zahl ist inzwischen schon 3 Monate alt.
Das heißt, mein Buch ist gleichzeitig auch ein Themenvorschlag für Redakteur*innen und Blogger*innen. Wer über mich bloggen oder mein Buch einen Beitrag schreiben möchte, ist auch eingeladen, eine E.mail an karmen@jurela.de zu schreiben.


Meine Frage an Dirk: Was kommt bei Dir als nächstes? Die Frage beantworte ich zum Schluss. Hier geht es erst mal zu Karmens großartigem Buch und zu ihren Webseiten:


Hier sind die Webseiten:

www.panorama1.de
www.rauschliebe.de
www.jurela.de

www.ichkreierealsobinich.de


Danke, Karmen für den tiefen Einblick, den Du uns in Deine Arbeit als Schriftstellerin gegeben hast.

Danke, dass Du Dich nach meinen Beschäftigungen erkundigst.

Mein Manuskript „Mehr als Twittern, Schreiben als Weg“ habe ich nach zwei Lektoraten an Literaturagenten geschickt, die es bei einem Verlag unterbringen könnten.

Außerdem sind meine skurrilen Landgeschichten „Das Leben…ganz einfach“ wieder erhältlich und ich mache dafür etwas Werbung.

Mein nächstes Buch wird wohl wieder Richtung Humor geben. Das hat was mit meiner oftmals sehr sehr lakonischen Weltsicht zu tun, die andere oft überrascht und zum Lachen bringt.

Ich schreibe für Sinnsucher, Schriftsteller, Blogger und Texter, gebe Kurse in Kreativem Schreiben und Webpublishing. Die Themen reichen von der Charakterisierung über Dialoge, Plotten und Überarbeiten bis zu Hilfestellung bei Veröffentlichung, Web-Publishing und SEO. Weiter beschäftigt mich, was das Schreiben mit uns macht, wie es zur Entwicklung beiträgt, wie es unser Leben mit Sinn erfüllen kann. Humor kommt dabei nicht zu kurz. Über Deine Fragen, Nachrichten und Kommentare freue ich mich.

Herzlichst, D.H. Ludwig, der Sinnfinder von Schreibrausch.

Ein Kommentar zu „Schriftsteller/Innen vorgestellt : Karmen Jurela

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