Liebst Du mich noch? (I)

Auf die große Frage: „Liebst du mich noch“ gibt es eine einzige Antwort, die ganz schlecht ist.

Die schlimmste Antwort: Ja, ich liebe Dich auch.

Wie soll denn dann die Geschichte weitergehen? „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“ oder „von da an lebten sie glücklich bis an ihr Lebensende“? “ Sie kauften ein Reihenhaus und langweilten sich bis ans Ende ihrer Tage?“ Solche Geschichten schreibt das Leben in rauen Mengen.

Oder vielleicht war die Antwort nur so ausgefallen, weil man das seit Jahren so gesagt hatte und jetzt nicht einfach was Anderes?

Manchmal versuchen sie tapfer ein Lächeln oder eine Umarmung aber es fühlt sich so falsch an, peinlich und unecht. Die bittere Wahrheit? -Zwei Seelen, einsam hinter der Omerta des Schweigens und der Lüge, bis der Tod sich ihrer kalten und harten Herzen erbarmt. Solche Geschichten schreibt das Leben – leider andauernd. Daraus eine gute Geschichte zu machen, wird schwer, wenn die Protagonisten sich in ihr Schicksal fügen.

Sorgen sie dafür, dass Ihre Geschichte mehr zu bieten hat: Einen massiven Konflikt, denn ohne Konflikt funktioniert keine Geschichte. Gut ist, wenn einer von beiden es nicht mehr aushält und entweder in der Psychiatrie oder bei einem neuen Partner landet – oder auch beides.

Glückliche Menschen sind so langweilig, wie Wasserstandsmeldungen auf der Zugspitze.

Hier ein literarisch spannenderes Beispiel für eine Antwort auf „Liebst du mich?“:

Tom: „Liebst du mich?“

Die Antwort kommt ganz ohne Worte aus, weil sie einen Konflikt erahnen lässt. Und Konflikt, das bedeutet Spannung, das bedeutet Handlung und lässt uns mit fiebern.

Anna starrte in die leere Zimmerecke.

Der Honeymoon scheint vorbei und Anna hat ein paar Vorbehalte gegen Tom. So viel ist klar.

Der Leser möchte jetzt mehr erfahren. Spannung liegt in der Luft. Was uns hier mitfühlen lässt, ist die latente Spannung zwischen Tom und Anna, der angedeutete Konflikt. „Ja, ich liebe dich über alles“, wäre literarisch eine ganz schlechte Antwort, allenfalls auf der letzten Seite brauchbar, nachdem Sie Tom und Anna hunderte Seiten lang durch zunehmende Schwierigkeiten in eine sich verdichtende Beziehungshölle geschleift haben.

Jeder der beiden muss dabei auf der lächerlichen Vorstellung bestehen, dass die Welt so ist wie der kleine Ausschnitt, den gerade er sieht. Diese falsche Sichtweise müssen beide mit Zähnen und Klauen verteidigen. Und jeder versucht, den anderen nach seinem Bild zu formen. Bald sind sie ineinander verbissen wie tollwütige Straßenköter. Der perfekte Weg ins Unglück oder, wenn man lernt, davon zu lassen, ins Glück.

Glückliche Menschen können wir in der Literatur nicht brauchen. Was wäre „Vom Winde verweht“, wenn Scarlett O’Hara statt des fiesen, aber aufregenden Rhett Butler einfach einen netten Finanzbeamten bekommen hätte und von den Wirren des Sezessionskrieges verschont geblieben wäre? Wollen Sie ihr vier Stunden beim Windeln wechseln und bei netten Kaffeekränzchen mit Melanie Hamilton zusehen? Und-Hand aufs Herz-würden sie selbst so leben wollen?

Schriftsteller sind Berufssadisten. Ihren Protagonisten muss alles widerfahren, was sich im richtigen Leben niemand wünscht. Höchstens einmal für kurze Zeit dürfen sie glücklich sein und auch dann müssen neue Probleme schon mit großen Schritten aus der Ferne nahen. Was sonst sollte die Handlung in Gang bringen, warum sonst sollten sie eine innere Entwicklung erleben und warum sonst sollte der Leser mit fiebern?

Und wenn Tom und Anna sich ganz zum Schluss doch zusammenraufen, wird die LeserIn vor Glück heulen, wenn Anna sagt: Ja, ich liebe dich auch. ❤😍💖💋💕

Hier gibt es mehr und vor Allem krassere Antworten zum Thema Liebst du mich?


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Herzlichst, D.H. Ludwig, der Sinnfinder von Schreibrausch.

Ich schreibe für Sinnsucher, Schriftsteller, Blogger und Texter, gebe Kurse in Kreativem Schreiben und Webpublishing. Die Themen reichen von der Charakterisierung über Dialoge, Plotten und Überarbeiten bis zu Hilfestellung bei Veröffentlichung, Web-Publishing und SEO. Weiter beschäftigt mich, was das Schreiben mit uns macht, wie es zur Entwicklung beiträgt, wie es unser Leben mit Sinn erfüllen kann. Humor kommt dabei nicht zu kurz. Über Deine Fragen, Nachrichten und Kommentare freue ich mich.

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3 Kommentare zu „Liebst Du mich noch? (I)

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