Liebst Du mich noch? (I)

Das ist die große Frage. Für Schriftsteller gibt es da allerdings eine einzige Antwort, die ganz schlecht ist.

Die schlimmste Antwort: Ja, ich liebe Dich auch.

Wie soll denn dann die Geschichte weitergehen? „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“ oder „von da an lebten sie glücklich bis an ihr Lebensende“?

Ohne Konflikt funktioniert keine Geschichte.

Glückliche Menschen sind so langweilig, wie Wasserstandsmeldungen auf der Zugspitze.

Hier ein literarisch spannenderes Beispiel:

Tom: „Liebst du mich überhaupt noch?“

Hier eine literarisch ergiebige Antwort. Sie kommt ganz ohne Worte aus.

Anna starrte in die leere Zimmerecke.

Der Honeymoon scheint vorbei und Anna hat ein paar Vorbehalte gegen Tom. So viel ist klar.

Der Leser möchte jetzt mehr erfahren. Was uns hier mitfühlen lässt, ist die latente Spannung zwischen Tom und Anna, der angedeutete Konflikt. „Ja, ich liebe dich über alles“, wäre literarisch eine ganz schlechte Antwort, allenfalls auf der letzten Seite brauchbar, nachdem Sie Tom und Anna hunderte Seiten lang durch zunehmende Schwierigkeiten in eine sich verdichtende Beziehungshölle geschleift haben.

Jeder der beiden muss dabei auf der lächerlichen Vorstellung bestehen, dass die Welt so ist wie der kleine Ausschnitt, den gerade er sieht. Diese falsche Sichtweise müssen beide mit Zähnen und Klauen verteidigen. Und jeder versucht, den anderen nach seinem Bild zu formen. Bald sind sie ineinander verbissen wie tollwütige Straßenköter. Der perfekte Weg ins Unglück oder, wenn man lernt, davon zu lassen, ins Glück.

Aber glückliche Menschen können wir in der Literatur nicht brauchen. Was wäre „Vom Winde verweht“, wenn Scarlett O’Hara statt des fiesen, aber aufregenden Rhett Butler einfach einen netten Finanzbeamten bekommen hätte und von den Wirren des Sezessionskrieges verschont geblieben wäre? Wollen Sie ihr vier Stunden beim Windeln wechseln und bei netten Kaffeekränzchen mit Melanie Hamilton zusehen?

Schriftsteller sind Berufssadisten. Ihren Protagonisten muss alles widerfahren, was sich im richtigen Leben niemand wünscht. Höchstens einmal für kurze Zeit dürfen sie glücklich sein und auch dann müssen neue Probleme schon mit großen Schritten aus der Ferne nahen. Was sonst sollte die Handlung in Gang bringen, warum sonst sollten sie eine innere Entwicklung erleben und warum sonst sollte der Leser mit fiebern?

Und wenn Tom und Anna sich ganz zum Schluss doch zusammenraufen, wird LeserIn vor Glück heulen, wenn Anna sagt: Ja, ich liebe dich auch. ❤😍💖💋💕

Hier gibt es mehr zum Thema:

Achtsamkeit Blogger Buch schreiben Charakterisierung Clustering creative writing Dialog Dialog schreiben Fiction Gefühle vermitteln Gut und lebendig schreiben Konflikt Korrektur Kreative Schreiben Kreatives Schreiben Kreativität Literatur Manuskript Motivation Plotten Prämisse Sachtexte Schreibwerkstatt Schriftsteller Selbsterkenntnis SEO Sinn Sinnsucher Spannung erzeugen Stil Struktur Tagebuch Texter

Keinen Beitrag mehr verpassen? Bestell Dir den Newsletter.

Ich schreibe für Sinnsucher, Schriftsteller, Blogger und Texter, gebe Kurse in Kreativem Schreiben und Webpublishing. Die Themen reichen von der Charakterisierung über Dialoge, Plotten und Überarbeiten bis zu Hilfestellung bei Veröffentlichung, Web-Publishing und SEO. Weiter beschäftigt mich, was das Schreiben mit uns macht, wie es zur Entwicklung beiträgt, wie es unser Leben mit Sinn erfüllen kann. Humor kommt dabei nicht zu kurz. Über Deine Fragen, Nachrichten und Kommentare freue ich mich.

Herzlichst, D.H. Ludwig, der Sinnfinder von Schreibrausch.

Wie siehst du das ?